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M. Blecher
Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit

Ein Buch dass uns neu sehen lässt, das die Selbstverständlichkeit der uns umgebenden Gegenstände ebenso in Frage stellt, wie es unser individuelles Getue in Frage stellt.

Dieses Buch wurde 1936 zum erstenmal in Rumänien veröffentlicht und stiess dort, besonders unter den Intellektuellen auf grosse Resonanz. Nach kurzer Zeit war die erst Auflage vergriffen. Sogar Eugen Ionesco, bekannt für seine garstigen Buchkommentare, bemerkte den grossen Wert dieses Buches. Während des Faschismus und dem darauffolgenden Sozialismus war kein Platz mehr für ein Buch wie dieses, welches von intensiver Lebenserfahrung und der Auseinandersetzung des Inneren mit dem Äusseren handelt. Erst 1970 wurde es in Rumänien wieder veröffentlicht. 1990 erschien die
erste deutsche Ausgabe, welche mittlerweile wieder vergriffen ist. Im letzten Herbst veröffentlichte der Suhrkamp Verlag eine revidierte Fassung dieses heimlichen Meilensteins der mitteleuropäischen Literatur.

Der junge Protagonist dieses Textes schildert sein Leben, oder vielmehr seine Gedankenwelt, in einer unbekannten Stadt. Er streunt herum und besucht Plätze und Menschen die in ihm verschiedene Gefühle, verschiedene Sinnlichkeit, aber auch Krisen und Bewusstseinssprünge hervorrufen.
Es handelt sich hierbei nicht um einen Roman im herkömmlichen Sinne, denn eine Handlung ist nicht einfach zu finden, spielt sich dieses Buch doch vielmehr in den Tiefen oder Untiefen des Protagonisten ab. Egal ob er von seinen ersten sexuellen Erlebnissen berichtet, oder vom Anblick eines Toten, ob er nur in einem Haus zu Besuch ist oder ob er sich, auf seinen Weg durch die Stadt, in Schlamm und Unrat suhlt, immer handelt es sich um eine materialisierte Gefühlswelt, so als ob die materielle Welt der Gegenstände in die sinnlichen Augenblicke eindringt, eine Verdinglichung der Gefühlswelt und gleichermassen eine Versinnlichung der Gegenstände. Es gibt keine Aufteilung mehr, alles ist gleichermassen Gegenstand und Gefühl. Dieses Einbinden der Gegenstände in die Gefühlswelt eröffnet uns einen Blick in das Absurde, in die verborgene Welt dieser Gegenstände, die angefüllt mit Erinnerung und Staub, unser Leben begleiten.
„...die Dinge waren von einem wahren Freiheitsrausch erfasst. Sie lösten sich voneinander ab, gewannen eine Unabhängigkeit, die nicht nur schlichte Vereinzelung bedeutete, sondern auch ekstatische Erregung.“
In seinen inneren Monologen führt uns der unbekannte Protagonist durch die Stadt, an eigentlich normalen Gegenständen vorbei. Das intensive Wahrnehmen seiner Umgebung, das ehrliche Beobachten von sich und seiner Umwelt, bis zu Verletzung und sogar Zerstörung des eigenen Ichs. Gleichzeitig der Drang nach Individualität und die darauffolgende Ernüchterung und Einsicht der Eingebundenheit in die Welt um ihn herum. „Das jeder Gegenstand den Platz einnehmen muss, den er hat, und dass ich der zu sein habe, der ich bin.“ Durch diese Unerschrockenheit der Selbstzerstörung und diese Art der Wahrnehmung eröffnet sich uns eine neue Innen- und Aussenwelt, die in Zweifel zieht was bis anhin als selbstverständlich galt.
Bis aufs Fleisch entblösst er die Welt, was des öfteren ekelhafte aber auch wieder sinnliche Züge annimmt. Es gibt keine Differenzierung mehr, das Sein wird in seiner ganzen Nacktheit präsentiert. Es ist die Dichte dieses Textes, die einen verblüfft zurücklässt, vor allem wenn man im Nachwort liest, dass der Autor, als er dieses Buch schrieb, gerade mal 27 Jahre alt war und zudem gesundheitlich angeschlagen. Zwei Jahre später starb er. Weiter die Geheimnisse, die er einem noch so banalen Gegenstand entlockt, und das Bedürfnis, die Dinge um sich herum neu zu sehen, anders zu betrachten, von allen Seiten unter die Lupe zu nehmen, das Verborgenste aus ihnen hinauszukitzeln,
um der Wirklichkeit dieser Welt näher zu kommen. Die Tiefe zu erkunden die der Protagonist aus den einfachsten Gegenständen herausfühlt.
Vergleichen lässt sich dieser Text mit dem „Buch der Unruhe“ des Portugiesen Fernando Pessoa. In beiden Büchern haben wir keine Handlung im eigentlichen Sinne, sondern eine innere Perspektive des Erzählers. Davon ausgehend entstehen verschiedene Abläufe und Gegebenheiten, aber keine Geschichte. Es erinnert aber auch an Sartres Ekel, eigentlich in der entgegengesetzten Richtung, aber doch nicht ganz, denn die Vereinigung mit den uns umgebenden Gegenständen, geschieht aus einem Mangel an Optionen. Bis auf eine Möglichkeit: Dem Selbstmord, der ebenfalls im Buch erwähnt wird; „Jetzt wusste ich, was ich zu tun hatte: wenn nichts mehr andauern konnte, blieb mir nichts weiter übrig, als alles zu beenden.“ Ansonsten gilt es die Welt zu ertragen. „Die exakte Wirklichkeit zieht mich immer tiefer hinab, versucht mich unterzukriegen. Wer weckt mich auf? Immer war es so, immer, immer.“




Autor:
Max (Marcel) Blecher

Stil:
Roman, Erzählung

Land:
Rumänien
zum Autor:
M. Blecher, rumänischer Jude, wurde 1909 in Botosani im Nordosten Rumäniens geboren. Er erkrankte mit 19 Jahren an Knochentuberkulose und verbrachte sein weiteres Leben in Krankenhäusern und Sanatorien. 1934 erschien sein erster Gedichtband, 1936 sein Roman «Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit». 1937 folgte der zweiter Roman «Vernarbte Herzen». Er starb 1938.
Auf Deutsch ist nur «Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit» erhältlich.


Besprechung: 21.11.2003 Pb

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11.03.2004 / Pb; Update 11.3.2004 / Pb Zurück
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