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Max Frisch
Graf Öderland

zum Buch:
Max Frischs Öderland

Max Frisch benutzte als Ausgangspunkt für diese Moritat zwei Zeitungsausschnitte sozusagen als Inspirationsquelle. Der eine berichtet vom Verschwinden eines Staatsanwaltes und - wie später aufgeklärt wird - dessen Selbstmord, der andere Bericht handelt von einem Mann, Bankangestellter, der eines Abends mit einer Axt seine Familie erschlägt. Diese beiden Geschehnisse liefern die Grundlage und den gedanklichen Ausgangspunkt für das Stück Graf Öderland. Der Selbstmord eines Staatsanwaltes wie auch der Mord eines Bankangestellten an seiner Familie verlangen nach Erklärung. Der erste Fall will die Begründung wieso ein Staatsanwalt Selbstmord verübt, in einem Milieu in dem Selbstmord eigentlich nicht hingehört. Das zweite Vorkommnis verlangt nach einem Grund für die Bluttat. Von diesem Punkt aus spinnt nun Max Frisch seine Fäden.

Im Tagebuch 1946 – 1949 finden wir die ersten Fragmente zu Graf Öderland, anfangs noch als Erzählung. 1951 wird die Theaterfassung zum ersten mal aufgeführt. Max Frisch entwirft 1956 für die Frankfurter Aufführung eine neue Fassung, ebenso 1961 für eine Aufführung des Schiller Theaters Berlin. Die Fassung von 1961 finden wir auch in den Gesammelten Werken.

Wir sehen, dass diese Geschichte Max Frisch lange Jahre begleitet hat. Die angebliche Sinnlosigkeit dieser zwei Geschehnisse wollte er untersuchen. Jene Frage nach Sinnlosigkeit, die der Mensch nicht erträgt, weil er nur mit Sinn sein Leben gestalten kann und die Frage nach den Beweggründen der Tat. Frisch geht nun davon aus, dass der Mensch meint, seinen Sinn durch Arbeit zu finden und sich das wirkliche „Leben“ auf Feierabend und Wochenende beschränkt. Zudem geht er davon aus dass es einem Staatsanwalt oft nicht anders geht als einem Bankangestellten; seiner Arbeit überdrüssig, versucht er ebenso dieser Sinnlosigkeit zu entkommen wie der Bankangestellte, beide wählen sozusagen als Ventil eine Tat, die erneut eine Sinnlosigkeit und Verzweiflung darstellt. Der Staatsanwalt nimmt sich das Leben und hat so überhaupt keinen Sinn mehr, zumindest in dieser Welt. Der Bankangestellte erschlägt seine Familie, die er wahrscheinlich für sein Leben und seine Arbeit verantwortlich macht, erkennt aber nicht, dass sie es auch ist, die dem Vater einen „Sinn“ gibt. Nicht die Arbeit, sondern die Familie ist es, die ihn braucht. Die Arbeit wäre also der eigentliche Feind, ihr kann man aber nicht so einfach entgehen.

Im Stück Graf Öderland erschlägt ein Junggeselle den Abwart der Bank. Der Staatsanwalt muss diesen nun verurteilen. Von anfänglichem Unverständnis wechselt seine Stimmung bald schon über zu Verständnis und leichter Bewunderung. Kurz darauf beginnen die Traumphasen des Staatsanwalts, in denen er zu Graf Öderland wird. Nun selber mit einer Axt bewaffnet, will er dem „Sinn“ an den Kragen, dadurch „Freiheit“ und „Leben“ gewinnen. Graf Öderland bringt damit aber ungewollt eine Revolte in Gang, in die er ebenso ungewollt gelangt und durch die er schlussendlich an die Macht kommen könnte. Diese Macht will Graf Öderland allerdings nicht, weil Macht immer Freiheit ausschliesst. Und wieder wird er konfrontiert mit dem Sinn, den die Menschheit anscheinend nun einmal braucht um zu Leben. Also müsste er nun dem Volk, das bereitwillig seine Revolte der Sinnbefreiung unterstützt hat, den Sinn zurückgeben. Diesen „Führungs – Sinn“, den das Volk bräuchte, kennt Graf Öderland aber nicht, sein Grundsatz lautet leben und sonst nichts.

«-leben. Was sonst? Wenn ich Tag für Tag an diesem Schreibtisch hocke, Mensch, und man hält mir die Gurgel zu, dass ich nicht mehr schnaufen kann (...) und eines Tages halte ich es nicht mehr aus, ich springe den anderen an die Gurgel, damit ich nicht ersticke: Was gibt es zu erklären? Leben will ich. Wozu eine Idee. Leben will ich»       (1)

Den Mörder sehen wir ab und zu in kurzen Einblendungen, in Monologen die er zum Publikum gerichtet hält. Die Sinnlosigkeit dieser Tat stellt sich immer klarer dar, es wird eindeutig, dass dieser Mörder wahrhaftig keinen Grund hatte, den Abwart umzubringen. In den Monologen wird der Hass auf den Arbeitsalltag klar dargestellt, die Freude aufs Wochenende und das Gefühl am späten Sonntagnachmittag, wenn einem einfällt, dass am nächsten Tag die Arbeit wieder ruft.

«Am Sonntag war fast immer ein Fussballspiel, aber schon in der Pause, wenn ich ein Würstchen ass, war es grässlich, das wusste ich. Man vergisst es bloss, solange sie spielen. Schon in der Pause wusste ich: morgen ist wieder Montag, und alles fängt von vorne an.»       (1)

In der Folge der Globalisierung und der immer grösseren Macht der Wirtschaft, werden solche Taten denkbarer (Zug, 27. September 2001; Göteborg, 2. Februar 2001*).Gerade weil Macht auch immer Ohnmacht mit sich bringt und ein Angestellter und Bürger sich dieser Ohnmacht nicht mehr gewachsen fühlt. Der Mensch, seiner Individualität beraubt, wird eine Schachfigur im Spiel um Gewinne, ein gesichtsloser Krieger, der von einem Abteilungsleiter an die Front geschickt wird. Die Ignoranz der „Oberen“ gegenüber den Untergebenen, wird immer deutlicher.

«Und in der Bank damals, haben sie auch nie meinen Namen gesagt.
Komisch. Dabei stand mein Name auf einem kleinen Schild: W.Schweiger. Einige sagten; Herr Schweiger.»
«…dann empfinde ich es wie Trost: dass ihnen der Mensch soviel wert ist. Nicht vorauszusehen, solang er die Türe bediente, und niemand hat ihn bemerkt, bevor ich ihn erschlagen habe»       (1)

Aber nicht nur in solchen Gedanken spiegelt sich die Aktualität dieses Stückes wieder, auch die Politische Situation in Öderland erinnert an die heutige Zeit:

«Wir haben den geheimen Sicherungsdienst, wir überwachen unsere Bürger von der Wiege bis zum Grab, jeder Verdächtige wird sorgsam und oft über Jahre beobachtet, wir haben die bewährten Fragebogen, wir haben den neuen Bürgerschein mit Fingerabdruck, wir haben alles getan um die Feinde der Freiheit nicht aufkommen zu lassen, ich erinnere bloss an das Notrecht, das uns endlich erlaubt, auch den inländischen Briefverkehr zu überwachen…»       (1)

Als Folge des Terroranschlages in New York am 11. September 2001 und der darauffolgenden Kampagne gegen den Terrorismus haben etliche Länder ihre Sicherheitsmassnahmen verschärft.
Dies alles um der Bevölkerung Freiheit und Sicherheit zu gewähren. Dass dadurch eigentlich die Freiheit der Menschen beschnitten wird, die freie Meinungsäusserung gefährdet und Menschen nur wegen anderer Glaubenszugehörigkeit, anderer Hautfarbe oder anderer Meinung bespitzelt oder sogar ohne Grund verhaftet werden können spielt dabei keine Rolle.

Graf Öderland ist ein sehr vielschichtiges Theaterstück. Obwohl vor 50 Jahren verfasst, können die Aussagen Öderlands durchaus auf die heutige Weltsituation angewandt werden: geändert haben sich nur die Namen der sogenannten Feinde, nicht aber die Methoden, diese zu bekämpfen. Die Situation der Mittelklasse, als Figur des Mörders dargestellt, hat sich nicht eigentlich verbessert, die Anforderungen an die Arbeiter werden immer grösser, der Druck von oben wächst, und umgekehrt wächst der Unmut gegen die „Oberen“.

Max Frisch konnte nicht vorausahnen, dass er selbst einmal ein Opfer der Staatskontrolle wird.

«Ich habe übrigens meine Bundesfichen erhalten (1.8.1990) und sofort auch Beschwerde eingereicht.(…) Auch das „geöffnete“ Dokument, das der Fichen - Delegierte genehmigt hat, ist wie alle Fichen, die wir bisher zu sehen bekommen Haben: ein Dokument der Ignoranz, der Borniertheit, der Provinzialität. Man kann darüber witzeln, ich halte es für eine ernste Sache; dieses Fichen – Werk Signalisiert das heutige Staatsbewusstsein.»       (2)

Neben Max Frisch wurden u.a. auch Friedrich Dürrenmatt und Niklaus Meienberg von der Bundespolizei bespitzelt. Alle drei sind vor allem aufgefallen wegen ihren kritischen Äusserungen gegenüber der Schweiz. Während man Dürrenmatt als Phantasten abtat und ihn so degradiert, hob man bei Meienberg den Spinner hervor. Max Frisch warf man vor dass er äusserst: Ich bezogen schrieb, dass er immerzu von sich aus ging. Das ist eine einfache Methode, die kritischen Äusserungen Frischs, die sich nicht allein auf die Schweiz beziehen, als Egomanie abzutun . Das leichteste war es, aus Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt Schulstoff zu machen. So werden sie zwar als Schriftsteller honoriert, zugleich werden sie dadurch aber auf die in der Schule verwendeten Texte beschränkt. Gerade nach dem Ableben eines Schriftstellers ist es einfach, ihn abzutun oder zu vergessen. Beides sind Möglichkeiten, der unbequemen Kritik aus dem Wege zu gehen. Aber gerade in der Schweiz sind auffällig viele Schriftsteller politisch engagiert, was im Zusammenhang stehen könnte mit der direkten Demokratie, die von ihren Bürgerinnen und Bürgern eigentlich politisches Engagement verlangt. Wenn dann aber Kulturschaffende in ihren Texten, kritische Stimmen aufkommen lassen, -zum Teil ein wenig übertrieben oder mit viel Sarkasmus und Humor verpackt, aber welcher Politiker übertreibt denn nicht bei seinen Reden und Versprechen- werden sie auch heute noch angegriffen und kritisiert.
In Öderland spekulierte Frisch damit, dass eine solche Veränderung gar nicht hervorzubringen ist, denn jede erfolgreiche Revolution hat die Machtergreifung als Ziel. Und Macht, so Frisch, ist das Gegenteil von Freiheit. Es wird nie eine Lösung funktionieren, bei der niemand benachteiligt ist. Es wird immer Macht geben, die Frage ist nur, wie diese Macht ausgespielt wird, auf welche Weise sie sich äussert. Eine Revolte kann nie die Lösung sein um eine wirkliche längerfristige Änderung herbeizuführen. Diese Art von Veränderung ist in unserem System so nicht möglich. Eine Revolte bleibt ein Ausbruch von Verzweiflung, eine Art Hilferuf vielleicht.

«…ich weiss es nicht… Ich weiss nur, dass ich keine Lösung weiss. Ich habe gemordet, weil ich keine Lösung weiss. So wie man allenthalben mordet und mordet in blinder Erwartung, was nachher kommen soll. Aber was kommt nachher?»       (1)

Öderland endet mit dem Verlust der Hoffnung auf „einfaches Leben“ und der Erkenntnis, dass jeder seine Verpflichtungen hat und dass, wenn er diese Verpflichtungen nicht erfüllt, er mit Konsequenzen rechnen muss. Öderland zeigt eine aussichtslose Situation, wie sie auch heute noch ist. Wir leben in Schemen und um aus diesen auszubrechen, braucht es einiges an Mut. Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, sind wir doch von Verhaltensregeln beengt. Familie, Bekannte, Freunde, alle erwarten eigentlich etwas und wir selber erwarten genauso etwas von ihnen. Fallen wir einmal aus dem Rahmen, wird dies ebenfalls mit dem Tod bestraft. Nicht mit dem Tod im physischen Sinne, nur im gedanklichen Sinn: „die Person ist für mich gestorben“. So funktioniert es auch im Geschäftsleben, nicht nur im Privatbereich. Mit der Entlassung folgt der gesellschaftliche Tod.


1951 in Zürich uraufgeführt fiel Graf Öderland bei Publikum und Kritikern durch. Das Stück wurde als „Marxistisches Revolutionsstück“ betrachtet. Es handelt sich aber bei Graf Öderland weder um eine Parodie von Hitler noch um eine von Lenin oder Stalin. Graf Öderland folgt keiner Ideologie. Dadurch, dass Publikum und Kritiker das Stück und die Figur Öderland mit einer der anderen Figuren verglichen, wurde es als das Verstanden was es nicht ist, eine Parodie auf die fehlgeschlagenen „Revolutionen“ des letzten Jahrhunderts. Als Öderland 1972 in Paris aufgeführt wurde, nach den Unruhen von 1968, verstand man die Aussage und das Stück als das, was es ist. Dazu Max Frisch:

«Diese Ereignisse haben sehr viel mit dem Stück zu tun, es war eine Revolte, nicht eine Revolution, es ist eine Eruption gewesen, sie hat ungeheur viel Ähnlichkeit mit dem Stück. Der Staatsanwalt also der Repräsentant der Ordnung, explodiert, weil die Ordnung nicht lebbar ist, nicht elastisch genug ist, ohne dass er ein anderes Programm oder Einen Verbesserungsvorschlag hat; also eine Eruption, sinnlos und notwendig, und sie hat indirekt die Wirkung, dass die Gesellschaft
verklagt wird mit der Aussage: In dieser Gesellschaft kann die Vitalität nur kriminell werden»       (3)

Vielleicht gibt es heute einen anderen Grund, weshalb Öderland eher verstanden wird, vorallem wegen den oben erwähnten Parallelen zur heutigen Situation, egal ob diese gesellschaftlicher, beruflicher oder politischer Natur sind. Die Geschichte ist entweder stehengeblieben oder sie wiederholt sich dauernd!

* Mit Axt erschlagen:
Im Zentrum der schwedischen Stadt Göteborg hat ein 32 – jähriger Mann einen Passanten vor den Augen Dutzender Menschen mit einer Axt erschlagen.
Einen ersichtlichen Grund für die Bluttat in einer belebten Strasse der Fussgängerzone gab es nach angaben der Polizei nicht. Sie versuchte herauszufinden, ob das 55 – jährige Opfer den Täter kannte. Dieser gestand nach seiner Festnahme auch noch die Morde an einer 28-jährigen und einer 32--jährigen Frau.
Erschienen im Bund, Freitag 2.Februar 2001       (3)




Autor:
Max Frisch

Stil:
Essay, Politik

Veröffentlichungen:
Homo Faber, Stiller, Biedermann und die Brandstifter, Schweiz ohne Armee?

Quellen:
1): Aus Max Frisch Gesammelte Werke, Band 3

2): Aus „DU“ Magazin, Max Frisch 1911-1991 Nr. 12/91

3): Programmheft zu Graf Öderland
zum Autor:
Max Frisch am 15 Mai 1911 in Zürich geboren, gehört zu den bedeutendsten Schweizer – Schriftsteller. Neben Friedrich Dürrenmatt war Frisch die treibende Kraft in der Schweizer Literatur nach dem 2. Weltkrieg. Er schrieb neben Theaterstücken u.a. auch Romane und politische Essays. Zu seinen bekanntesten Werken gehören «Homo Faber», «Stiller», «Biederman und die Brandstifter». Max Frisch starb 1991.

Besprechung: 21.11.2003 Pb

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Fansite:
21.11.2003 / Pb; Update 17.12.2003 / Pb Zurück
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