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Hermann Hesse
Die Krisis Jahre 1928-1936
Das Bild welches uns von Hermann Hesse geliefert wird ist ein eigentlich beschönigtes Bild, wir kenne ihn von Postkarten, von Wühltischen und erfreuen uns an den Zitate-Bücher von denen es mehr gibt, als es eigentlich geben dürfte. Vielen ist er daher auch zu verstaubt, einigen zu ästhetisch, viele sehen in ihm den erhabenen Dichter und die Figur des Siddharta, und sehr vielen ist er sehr wertvoll. Die Ambivalenz dieses Schriftsteller tritt nicht zuletzt durch die verschiedenen Auffassungen seines Werkes ans Licht.
Hermann Hesse war nie nur der einfache Dichter, zu dem er heute von vielen Kritikern und Intellektuellen gemacht wird. Es ist zu einfach, ihn auf seine simplen Erzählstränge zu reduzieren oder seinen Hang zum Schöngeist als ein Mangel an Innovation zu geisseln. Denn diese Reduktion verschliesst einem die wahre Tiefe, die hinter den einfachen Erzählungen verborgen liegt, und die Ästhetik weist auf andere Mängel hin, die vielleicht - mehr noch als zwischen den Zeilen - in den Tiefen der Seele zu finden sind.
Die Krisis Gedicht allerdings passen überhaupt nicht in diesen Rahmen, nicht nur das Hermann Hesse in diesen Gedichten seinen bisherigen Sprachgebrauch über Bord wirft, auch die Themen die wir darin finden haben so gar nichts mit dem erhabenen Dichter zu tun. Es tritt ein anderer Hermann Hesse zu Tag, eine zerrissene Persönlichkeit und es fällt uns rasch auf dass wir die zu Anfang erwähnte Ambivalenz nicht nur in der Sichtweise von aussen auf Hermann Hesses Werk finden, sondern ebenso im Blick den Hesses auf sich selber uns sein innerstes wirft. Die Gedichte dieses Zyklus wurden von Hermann Hesse selber als Knittelverse bezeichnet, von einigen Kritikern zerrissen und von vielen Freunden mit Argwohn betrachtet, die Krisis Gedichte aber sind es die den Weg ebenen der ihn zum Steppenwolf führen wird, davon ahnt er aber noch nichts und das Urteil fällt dem entsprechen gering aus.
Die Krisis Gedichte sind zwischen zwei Hauptwerken Hesses entstanden, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die erleuchtet, erhabene Dichtung des Siddharta, welcher 1922 vollendet wurde und im Gegensatz dazu die einsame verzweifelte Wanderung des Steppenwolfs Harry Haller.
Lehnt sich Hesse beim Siddharta noch an die Vorstellung eines Ideals, nämlich des All-Eins-Sein nicht nur mit sich, sondern auch mit der Natur und dem Kosmos - ein Ideal übrigens, das war er sich vollends bewusst, welches er nicht erreichen konnte. Finden wir bereits bei den Krisis Gedichten die Auflösung dieses Ideals und vor uns erscheint eine zwiespältige Persönlichkeit, welche uns nur noch in aufblitzenden Momenten an die Einsichten Siddhartas erinnert. Hesse sucht nach wie vor nach Vereinigung nur nicht mehr einzig in geistigen Sphären sondern auch in körperlichen Erlebnissen. Bereiche aber in denen sich Hesses Seele nicht heimisch fühlt. Später beim Steppenwolf finden wir eine Teilung, nämlich die des Menschen in verschiedene Seelen. Er unterteilt diese ganz klar in Dichtung, Musik und Philosophie - also in die geistige Welt und das ganze andere Chaos, unter anderem die Triebe, also die körperliche, sinnliche Welt. Hermann Hesse bzw. Harry Haller ist sich im Klaren darüber, welche Teile seines Menschseins er in der Vergangenheit unterdrückt hat. Genau hier beissen wir uns fest und finden bald schon heraus, dass eben diese Teilung und die daraus resultierende Unterdrückung der sinnlichen Welt, sich nicht nur wie ein roter Faden durch fast sämtliche Werke Hesses zieht, sondern dass wir diesen Faden auch in seinem Leben wieder finden.
In der Zeit während der Entstehung der Krisis Gedichte und des Steppenwolfs schlägt das Pendel wieder einmal voll aus, diesmal aber zu Gunsten des Sinnlichen, der Geist jedoch gibt nicht kampflos auf.
Die Entstehung der Krisis Gedichte
Aber wie kommt es zu einer solch tiefen Lebenskrise? 1916 stirbt Hesses Vater. Hiermit nimmt die innere Krise ihren Anfang, mit dem Vater stirbt eine autoritäre Figur, welche die pietistischen Werte in Hesses Leben vertrat. Diese Werte und das geistige Leben werden in Frage gestellt. Ebenfalls 1916 befindet sich Hermann Hesse auf Kur in der Klinik Sonnmatt, dort trifft er auf Josef Bernard Lang, einen Schüler von Carl Gustav Jung. Er beginnt mit psychoanalytischen Sitzungen. Die Sitzungen werden auch 1917 weiter geführt, im September desselben Jahres trifft er Carl Gustav Jung. Auf Anraten von Lang verfasst Hesse ein Traumtagebuch. Überhaupt spielt die Psychoanalyse in den folgenden Jahren eine wichtige Rolle in seinem Leben. Bereits beim Demian, den Hesse kurz nach dem Treffen mit Jung niederzuschreiben beginnt, finden wir Anspielungen auf psychoanalytische Theorien Jungs. Das Leiden unter der Spaltung seines Weltbildes in eine Welt, die er als hell, sauber, moralisch integer empfindet - repräsentiert von seinen Eltern - und die andere Welt, die dämonische, triebhafte, ethisch fragwürdige, verkörpert durch Verbrecher und Dienstmägde. Daher und auch auf Grund der wenigen Aufzeichnungen, die direkten Bezug auf die Psychoanalyse nehmen, im Besonderen natürlich aus den Traumtagebüchern, können wir sehr rasch zum entscheidenden Punkt, welcher Hesse zu der Zeit und auch die nächsten Jahre beschäftigte und noch beschäftigen wird, vordringen: Die Abrechnung mit dem Vater, dem Repräsentanten der moralischen Werte und vergeistigten Welt. Aber es kommt noch mehr.
Im Oktober 1918 erkrankt Hesses Frau Maria in Locarno an einer Psychose. Maria bleibt ein halbes Jahr in der Klinik, Hesse gibt seine Söhne ausser Haus. Er sieht sich nicht in der Lage, für ihr Wohl zu sorgen. 1919 entscheiden sich die Eheleute für die Trennung. Kurz darauf erleidet Maria, nach kurzer Besserung, einen Rückfall. Die Trennung von seiner Familie bezeichnet einen weiteren Wendepunkt in Hesses Leben, er entscheidet sich für die Selbstverwirklichung als Dichter.
Er richtet sich sein Leben in Montagnola ein, im Winter beginnt er mit dem Siddharta. Im Sommer 1920 plagt ihn eine Schreibkrise, erst 1922 wird er mit dem Siddharta weiterfahren und in innerhalb weniger Wochen beenden.
1923 wird die Ehe mit Maria endgültig geschieden. Den Winter 1923 verbringt er nicht in Montagnola sondern in Basel, Baden und Zürich. Es sind aber nicht nur persönliche Probleme, welche Hesse zu schaffen machen. Ebenfalls 1923 veröffentlicht er unter dem schon mehrmals verwendeten Pseudonym Emil Sinclairs dessen Notizbuch, er nimmt in diesem Buch u. a. Stellung zu den Geschehnissen in Deutschland, Ereignisse, welche ihm bereits 1921, als die NSDAP gegründet wurde, Bauchschmerzen bereiteten. Tagebucheinträge, Briefe und gelegentliche Zeitungsartikel belegen, dass Hesse sich mit den Problemen in der Welt auseinandergesetzt hat, das Klischee des unpolitischen oder gar weltfremden Dichters trifft so also nicht zu.
Im Januar 1924 weilt Hermann Hesse in Thun, im Freienhofsaal liest er aus seinen Werken. Ebenfalls in diesem Monat wird widerwillig geheiratet, und zwar Ruth Wenger, der Vater der Braut besteht darauf. Es wird behauptet, dass Ruth Wenger als Vorbild für die Kurtisane im Siddharta diente. Inflation und die Geschehnisse in Deutschland führen zu Geldknappheit. Diese Wiederum führt zu gesundheitlichen Problemen, da Hermann Hesse aus eben diesem Geldmangel die Wohnung im Tessin nicht mehr heizen kann. Mehrere Kuren in den folgenden Jahren sind die Folgen davon. Die auftauchenden körperlichen Gebrechen, die bereits jetzt zum Scheitern verurteilte zweite Ehe - die Scheidung folgt 1927 - und die sich immer wieder ankündigende Midlife-Crisis führen Hesse weiter auf seiner Höllenreise. Der Mann von 48 Jahren fühlt in sich körperliche Begierden, die er zuvor stets verdrängt hatte , die sinnlichen, bisher als das Gegenteil der geistigen Welt verstandenen Gefühle, die Sehnsucht nach sexuellen Erfahrungen dringen immer mehr an die Oberfläche. Hesse gibt ihnen nach, zumindest was das Körperliche anbetrifft, er stürzt sich in das Zürcher Nachleben. Das Gewissen aber fängt an, sich zu regen.
Hermann Hesse lebte lange Zeit mit dem von den Eltern anerzogenen Ideal. Obwohl er bereits als Jugendlicher gegen die Ideale der Eltern rebelliert hatte, kann er ihr Erbe nicht einfach ablegen. Bereits als Jugendlicher war für Hesse klar, dass er Schriftsteller werden will und sonst nichts. Die Eltern aber würden ihn lieber als Pastor sehen, was sich auf seine Schulbildung auswirkt. Mit 14 Jahren besteht Hesse das schwäbische Landesexamen, was ihm Zugang zum evangelisch-theologischen Seminar im Kloster Maulbronn ermöglicht. Ein Jahr später flüchtet er aus dem Seminar.
Bereits anfangs 1925 berichtet Hesse in manchen Briefen von einem Buch, dass er zu schreiben gedenkt. Den Winter 1925 verbringt Hesse am Schanzengraben 31 in Zürich, die Wohnung wird von Fritz und Alice Leuthold zur Verfügung gestellt. Hier entstehen in den folgenden Wochen mehr als 40 Gedichte, der Ur-Steppenwolf sozusagen. Im Januar 1926 nimmt Hesse zum allerersten Mal Tanzstunden, gibt sich mehr noch dem Lotterleben hin, er besucht zusammen mit Josef Bernard Lang verschiedene Tanzveranstaltungen. Die in diesen Monaten verfassten Gedichte versucht Hesse unter dem Titel Der Steppenwolf Aus einem lyrischen Tagebuch von Hermann Hesse bei seinem Verleger Samuel Fischer unterzubringen. Doch das Vorhaben scheitert. Im November erscheint ein Vorausdruck der Gedichte in der Neuen Rundschau. Erst im April 1928 werden sie unter dem Titel Krisis Ein Stück Tagebuch als limitierte Auflage veröffentlicht.
Ende 1926 schreibt Hermann Hesse den Steppenwolf. Nach dem verschiedene Kapitel als Vorabdrucke in diversen Zeitungen in Deutschland und der Schweiz erschienen sind, erfolgt im Juni 1927, pünktlich zu Hesses fünfzigstem Geburtstag, die Buchveröffentlichung. Bis 1940 erreicht das Buch bereits eine Auflage von 42 Tausend Exemplaren. Dann darf der Steppenwolf in Deutschland nicht mehr nachgedruckt werden. Die Gedichte, welche seither als Materialien zum Steppenwolf fungieren, sind also eigentlich dessen lyrischer Vorgänger. Mehr noch als den Steppenwolf dürfen wir diese autobiografisch nennen. Bereits die Titelwahl mit dem Hinweis Tagebuch lässt darauf schliessen. Hinzu kommen verschieden Punkte, die man direkt auf das damalige Leben von Hesse übertragen kann. So wird im Gedicht Abend mit Doktor Ling eindeutig auf Josef Bernard Lang hingewiesen. Zudem werden diverse Frauengeschichten, Maskenbälle und Kneipen erwähnt. Zumindest was die beiden Letztgenannten betrifft, liegen verschiedene Hinweise vor, die belegen, dass Hesse diese Lokale und Veranstaltungen frequentierte. Was Ersteres anbetrifft, bleibt es bei Spekulationen.
Es findet keine weitere Krise dieses Ausmasses statt. Nach dem Steppenwolf folgen zwei weitere Romanprojekte; Narziss und Goldmund und das Glasperlenspiel, in beiden Romanen findet Hesse zu der Sprache zurück, die er bis zum Siddharta verwendet hatte. Zudem fällt in beiden Geschichten auf, dass die Figuren der Welt ausgeglichener gegenüber stehen, also vielleicht doch ein Ergebnis der gewaltigen Lebenskrise, die der Autor zuvor durchgemacht hat.
Von nun an wird es ruhiger in Hesses Leben. 1931 heiratet er zum dritten Mal, die Auserwählte Ninon Döblin geb. Ausländer ist Kunsthistorikerin. Die Ehe hält bis an Hesses Lebensende.
Während des zweiten Weltkrieges werden die Schriften von Hermann Hesse in Nazi Deutschland verboten, Nachdrucke sind nicht mehr erlaubt. Seine Werke erscheinen bis 1946 bei diversen Verlagen in der Schweiz. 1944 wird Hesses deutscher Verleger, Peter Suhrkamp von der Gestapo verhaftet, er überlebt und gründet nach dem Krieg unter Mithilfe von Hermann Hesse den Suhrkamp Verlag. Der Nobelpreis für Literatur wird ihm 1946 verliehen. Hermann Hesse lebt weiterhin im Tessin, widmet sich der Malerei, der ausführlichen Briefkorrespondenz und dem Garten. Am 09. August 1962 stirbt er an einer Hirnblutung. Nach seinem Tod wird in seiner Wohnung ein geladener Revolver gefunden.
Aus einem Brief an Ninon Mai/Juni 1931
«Ich brauche da in mir innen einen Raum, wo ich völlig allein bin, wo niemand und nichts hineindarf. Deine Fragen bedrohen diesen Raum. Du bist rascher und klüger als ich im Fragen, im Aussagen, im intellektuellen Klarstellen von Seelischem. Ich bin darin langsamer und schwerer, ich muss ausser meinem Leben auch meine Dichtung mit hindurch retten durch das Chaos.»
Wer die Krisis Gedichte nur gerade als Vorarbeit zum Steppenwolf betrachtet, wird ihnen nicht gerecht. Vielmehr ist dieses autobiographische Tagebuch in Gedichtform etwas vom ehrlichsten und selbstkritischsten, das es in der Literatur dieser Zeit gibt. Es legt das Innerste eines Dichters frei und benutzt dazu Worte, die wir in dieser Art von Hermann Hesse nicht gewohnt sind.
Für Hermann Hesse war die Niederschrift dieses Zyklus sicherlich kein leichtes unterfangen, zugleich kann man es aber doch auch als Befreiungsschlag bezeichnen.
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