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Michel Houellebecq
Elementarteilchen
zum Buch:
Vergessen wir für einmal die viel zitierten Sexszenen, und die damit verbundenen Skandale, welche oft an Scheinheiligkeit zugleich aber auch an gewitzte PR Gags grenzen. Beschränken wir uns doch dieses einemal auf die philosophischen, ideologischen Themen die dieser Roman beinhaltet, zu deren Zweck zwar, um die ganze Kritik des Romans zu veranschaulichen, auch die diversen sexuellen Begegnungen von Nöten sind. Wir finden in diesem Roman diverse Kritiken an der heutigen beziehungsweise der Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts, an der Ideologie der 68er Bewegung wie auch der New Age Szene, der Liberalisierung der Wirtschaft wie auch der Sexualität, damit verbunden die Verherrlichung des wirtschaftlichen- wie sexuellen Erfolgs, in Anlehnung an Darwins Evolutionstheorie: Der Stärkere gewinnt, der Sieger nimmt sie alle. Beide Gebiete, die Wirtschaft und die Sexualität wurden zu neuen Mythen aufgebauscht, sie sollen Ersatz bieten für die verlorenen beziehungsweise geraubten Mythen der Aufklärung und der Industrialisierung, der Verwirtschaftlichung des Menschen. Die Heilsbringung des 20. und 21. Jahrhunderts, erreichbar für einen Teil unserer Gesellschaft, während ein anderer Teil in Frustration und Selbsthass endet, weil er den aufgedrängten Massen nicht genügt. Sex als Zweck zur Befriedigung existentialistischer Frustration, als Höhepunkt der Gefühle die ein Tag in unserer Gesellschaft zu bieten hat und als die einzige Möglichkeit der Vereinigung, der Zugehörigkeit in einer von Teilung und Grenzen durchwachsenen Welt. Aber über all dieser Kritik prangt ein grosser Schriftzug, Verlust der Liebe, hier symbolisiert durch die nur selten anwesende Mutter. Während Bruno sich die verlorene Liebe durch Körperkontakt sucht, träumt Michel in seiner Agonie von einer Erlösung aus diesem Kreis, in den die Gesellschaft geraten ist. Und obwohl sein Antrieb, eine neue, in Liebe und ohne Trennung lebende Spezies erschaffen zu können, was Jahre nach seinem Tod aufgrund seiner Forschungsergebnisse auch funktionieren wird, wahrscheinlich mehr auf Hass basiert den auf dem Gedanken der Erlösung, vermittelt die Geschichte öfters das Gefühl, als sei, versteckt hinter Michels Melancholie, eine tiefe Zuneigung und Hoffnung dem Menschen gegenüber zu finden. Vielleicht aufgrund der Liebe, die er zuletzt doch noch erfahren durfte, seelisch wir körperlich. Denn ist es nicht die seelische, die tiefe Liebe, den Gedanken der Ergänzung durch eine andere Person, die einem erst zu dem macht was man eigentlich ist, die wir suchen? Und ist die Suche nach körperlicher Befriedigung nicht einfach ein kurzfristiges Hochgefühl, welches uns von unserem Alltag befreit, so kurzfristig wie unser ganzes Weltbild zu werden droht?
Im tragischen Ende, die Michels Liebe nimmt, erkennt er die tief in ihm verborgenen Gefühle zu denen er fähig ist, und erkennt ebenso das Glück, welches er erfahren durfte. Zugleich fühlte er aber wieder eine Trennung, hier Michel und dort im Koma liegend Annabelle, vielleicht eine weitere oder sogar die erste Inspiration, die ihn später zu seinen Forschungen drängen wird; denn diese von Michel verspürte Trennung ist es, welche die neue Spezies überwinden soll. Aber nicht nur die obengenannte Überwindung finden wir in dieser Spezies, sondern ebenso die Erfüllung eines urmenschlichen Traumes, dem des Übermenschen beziehungsweise dem Menschen Gott (Ganz am Ende des Buches, bezeichnet sich die neue Spezies selber als Götter). Zwei menschliche Antriebe, die sich immer in gegenseitigem Kampf befinden scheinen nun in diesen Geschöpfen vereint: Das soziale Gewissen und der Übermensch der die schwachen, unwürdigen zurücklässt. Ich möchte hier vor allem auf die Überwindung der Trennung und des Egos näher eingehen.
So heisst es bereits zu Beginn, in einem Gesang dieser Spezies:
Jetzt da das Licht um unseren Körpern greifbar geworden ist,
Jetzt da wir am Ziel angelangt sind
Und die Welt der Trennung überwunden haben,
die gedankliche Welt der Trennung.
Wichtig bei diesen vier Zeilen, ist der Hinweis auf die gedankliche Welt der Trennung, was uns weiter führt zum Ende des Buches, kurz vor dem Tode Annabelles zitiert Michel aus einem Buch mit Versen von Buddha. Der Buddhismus ist es auch der, als die ersten Experimente bezüglich der neuen Spezies erfolgreich verlaufen und es zu grossen Diskussionen kommt, diese befürworten. Vielleicht weil im Buddhismus eben diese Überwindung der Trennungen und die Überwindung des Egos, welches ebenfalls eine Trennung darstellt, nämlich die von meinen Mitmenschen, zu tiefst verwurzelt ist.
Diese Trennungen allerdings sind eben nur gedankliche Trennungen.
Michel Houellebecq hat vielleicht unfreiwillig erkannt, dass diese gedanklichen Trennung die eigentliche Gefahr unseres Zusammenlebens darstellen denn erst durch diese von uns erschaffenen Grenzen, (Ich aussen Welt; Mensch Tier, Mensch Natur) haben wir die Natur und mit ihr die Tiere, zu etwas niedrigerem degradiert und dabei vergessen, wie sehr wir in das ganze eingebunden sind. Ähnlich haben wir es in unserer Gesellschaft geschafft uns auf unsere individuellen Überlebenskämpfe zu konzentrieren und vergessen, wie sehr die Gesellschaft mit uns verbunden ist. Und heutzutage wo wir Grenzüberschreitenden Themen begegnen (Naturkatastrophen, Terrorismus, Globalisierung ) versuchen wir weiterhin Probleme ohne Mithilfe oder Kooperation zu lösen, was je länger je mehr nicht mehr möglich sein wird. Es gibt zudem eine evolutionäre Tendenz die zu umfassender Sichtweise und zu mehr Gemeinschaft führt. Vor einigen hundert beziehungsweise tausend Jahren, haben wir die Grenze noch bei der Familie gezogen, später bei unserem Stamm, bei der Stadt, beim Land(- menschliche Erdbevölkerung, Erdbevölkerung Gesamthaft, Gaia(Natur), Erde, Kosmos). Hatten wir ebenfalls vor einigen hundert Jahren, noch keine Ahnung was am anderen Ende der Welt von sich geht, so wissen wir heute innerhalb weniger Minuten, was auf der ganzen Welt von statten geht, dies ermöglicht uns, eine umfassendere Sicht über unseren Planeten. Immer mehr bekommt der Satz Bedeutung: Keiner ist eine Insel. Im einem Weltbild das eher einem Netzwerk gleicht, stecken wir alle unter einer Decke, nur sind wir Menschen in einer Zwickmühle, denn die Natur wird wunderbar auch ohne uns weiterexistieren, das Wetter wird weiter wechselhaft sein, die Sonne wird auf- und untergehen, wie auch der Mond, Ebbe und Flut auch daran wird sich nichts ändern. Jedoch wird sich die Natur vom Ballast befreien müssen um ihr eigenes Überleben zu sichern, und der Mensch der eine grosse Belastung darstellt wird aus der Evolution hinausgeworfen. Die Überwindung des Egos impliziert auch immer eine Überwindung dieser Grenzen. Je weniger bedeutung wir unserer Person beimessen, um so mehr fühlen wir uns in das Ganze eingebunden beziehungsweise um so mitfühlender sind wir. Die Notwendigkeit auf dieses Ideal hinzuarbeiten, ist angesichts unserer Lage, unbestreitbar.
Eigentlich aber geschieht genau dies am Ende des Buches, nur das die Menschheit auf dramatische Weise ihre Ego überwindet, und sich eingesteht, dass sie gescheitert ist. In diesem Scheitern, liegt das Drama des Menschen, der zwar die Probleme erkennt, und auch um die Notwendigkeit von Veränderungen weiss, sich aber nicht fähig sieht, diese herbeizuführen. Deswegen erschaffen sie eine neue, eine angeblich bessere Spezies, um so den Erhalt des Menschen zu sichern, aber das eigene Ich verliert in diesem Kontext an Wichtigkeit und verschwindet. Es geht um etwas grösseres als um das Individuum. Und genau hier liegt der Ansatz: Wir erkennen die Notwendigkeit einer Veränderung und wir Besitzen die Möglichkeiten, diese Veränderung herbeizuführen. Ohne genetisch veränderte Spezies, sondern lediglich durch den Geist. Durch das Eingestehen der Notwendigkeit einer Veränderung beginnt bereits die Veränderung.
Ich bezweifle allerdings, das Houellebecq sich diese Überlegung gemacht hat. Er hatte die Absicht, die Welt am Ende des 19. Jahrhundert zu porträtieren, den Mensch zu dekonstruieren und eine neue bessere Schöpfung an seinen Platz zu stellen. Dies ist ihm gelungen und noch mehr, denn vielleicht zeigt uns diese Spezies nur ein wenig wie die Zukunft aussehen könnte,
zumindest was die Überwindung verschiedener Grenzen betrifft. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch dem Menschen gewidmet.
Anhang: Ich habe, da ich mich nur auf einen Punkt konzentrieren wollte ausser Acht gelassen dass diese Spezies ja auch den Gedanken des Übermenschen impliziert, was aber höchstens in ihrer Beziehung zur Menschheit, durch eine leicht ironische, arrogante Art zum Vorschein kommt. Innerhalb ihrer eigenen Gruppierung gibt es diese Tendenz, da alle gleich sind nicht, beziehungsweise sie halten sich ja eben für Übermenschen. Da ich oben davon ausgegangen bin, dass der Mensch diese Veränderungen (Überwindung der Dualität und des Egos), selber vollführen kann, bin ich auch nicht weiter auf das Klonen eingegangen. Und auch die Unendlichkeit (für uns unvorstellbar) die diese neue Spezies nun erlangt hat, habe ich nicht beachtet. Es ging mir bei dieser Interpretation lediglich darum, aufzuzeigen welche Möglichkeiten im Menschen selber stecken und das wir ohne Veränderung der Gene, ohne Klontechnik und ohne das Versprechen auf ewiges Leben, die Chance besitzen, durch die Transformation unseres Geistes (mit den nötigen Hilfsmittel der Kontemplation), eine Welt zu erschaffen, die dem Ideal einer Gemeinschaft näher kommt. Wir werden dies allerdings nicht in einigen Jahren erreiche, sondern mit aller Geduld über Jahrhunderte hinweg. Leider sieht es auch so aus dass ein Grossteil der Menschheit, die Notwendigkeit einer Änderung, weiterhin ignoriert.
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