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Edgar Hilsenrath
Nacht

Ein grausames Buch. Es scheint mir unmöglich diese 630 Seiten, ohne Pause durchzulesen, eine Pause in der man sich am besten mit den schönen Dinge des Lebens beschäftigen sollte, weil einem dieses Buch die Möglichkeit der Unmenschlichkeit vor Augen führt. Und doch ist ein wertvolles Buch, ein wertvolles Stück Literatur über den zweite Weltkrieg.

Es beginnt ohne grosse Firlefanz, Ranek die Hauptfigur des Romans, sucht im Prokowner Ghetto nach einem Nachtlager, alle diejenigen die kein Dach über dem Kopf finden um dort die Nacht zu verbringen, laufen Gefahr einer Razzia zum Opfer zu fallen, das heisst sie werden zur Zwangsarbeit deportiert oder gleich erschossen. Ranek findet ein Lager und er findet die meiste Zeit ein Lager und zwar mit allen ihm bekannten Tricks. Aber genau die Tricks sind es die einem am Leben erhalten. Mit Ranek lernen wir das Ghetto kennen, in der Nähe des alten Bahnhofs hat er ein Nachtlager gefunden. Es gibt einen Basar, so etwas wie eine Einkaufsstrasse, mit einem Friseur, einem „Kaffeehaus“ (inkl. einem braunen Gebräu), einer Bäckerei (Ersatzmehlbrot), einem Geschäft für Säcke (eher Kleidung) und einem Bordell, welches unter dem Schutz der Armee und der Ghetto internen Polizei steht, weswegen nicht nur das Geschäft gut läuft sondern es auch den Bewohnern des Bordells gut geht. Auch auf die Regeln die an einem solchen Ort herrschen werden wir aufmerksam gemacht, es sind simple Regeln. Mit Handeln, Tauschen und Betrügen, kämpft jeder einzelne ums Überleben, immer um einen Vorteil bemüht der über Leben und Tod entscheiden kann. Der Hunger und im Winter die Kälte quälen, so versucht man irgendwie an Ware zu kommen die sich zum Handeln eignet und schreckt auch nicht vor den Toten zurück, denen man die Kleider und Schuhe wegnimmt, da sie ihnen eh nichts mehr nützen und auch die goldenen Zähne entreisst man ihnen um dafür einen Tag nicht hungern zu müssen.

Edgar Hilsenrath beschönigt nichts. Auch nicht das ein Opfer durch die an ihm verübte Tat, seinerseits zum Täter werden kann, erst recht unter solchen Umständen. Er dokumentiert diese Situation anschaulich ohne jemals zu vergessen wer es schlussendlich war, der die Menschen in dieses Ghetto brachte. Dass der Mensch in dieser unmenschlichen Situation und im Kampf ums Überleben, die Menschlichkeit aus den Augen verliert, dürfte uns eigentlich nicht Überraschen und doch erschreckt man, wenn man so direkt vor Augen geführt bekommt wozu der Mensch fähig ist. Wie auch bei Imre Kertész ist es gerade die Ehrlichkeit dieses Buches so wirklich macht und dass Wissen darum dass es genau so an verschiednen Orten in Europa stattgefunden hat.

Auch in einem Ghetto finden Menschen zu einander, zu Anfang des Buches ist es eine Frau die sich am Abend an die Fersen von Ranek heftet und ihn nicht mehr aus den Augen lässt, um sie kümmert er sich, ohne sentimental zu werden, gleichzeitig verhökert er ihre Besitztümer auch ein Teil ihrer Wäsche bis auf den Teil den sie selber verkauft, hinter seinem Rücken, was zum Bruch führt. Sie stirbt während Ranek für Tod gehalten wird. Bald darauf taucht er wieder auf und fast gleichzeitig auch seine Schwägerin mit seinem an Flecktyphus erkrankten Bruder. Als dieser stirbt finden er und Debora zusammen und ihr zusammenkommen im Nachtlager, auf der einen Seite die Trennwand dahinter die an Flecktyphus erkrankten, davor er Arzt welcher sich auf einen Abort vorbereitet, gehört zum eindrücklichsten Teil dieses Buches, man hält es nicht für möglich dass eine solche Begegnung zweier Menschen in dieser Unmenschlichkeit Möglich ist.

Aber gerade die Momente der zwischenmenschlichen Beziehungen gehören zu den eindringlichsten des ganzen Buches, eben weil sie nicht so richtig reinpassen wollen und doch sind sie ein Zeichen dass auch unter solchen Bedinungen der Mensch nicht einfach zum Monster wird und lassen einem die Hoffnung das etwas menschliches auch an einem solchen Ort möglich ist. Auch Sex gibt es immer noch, aber dieser Akt dient nur noch zur Abregung männlicher Hormonschübe und für den Handel.

Das dieses Buch autobiographisch sei wird vom Autor wiederlegt; „Ich bin nicht Ranek“. Tatsächlich finden sich aber Parallelen zwischen dem Roman und seinem eigenen Leben. Edgar erlebt seine Kindheit in Deutschland. 1938 flüchtet er mit seiner Mutter und seinem Bruder nach Rumänien. Zu dieser Zeit liegt der Nationalsozialismus zumindest in Sereth noch in weiter ferne und die Juden von Sereth leben ihr Leben wie bis anhin. Im Juli 1941werden die Juden aus Sereth deponiert. Die Odysee legt nach sechswöchiger Fahrt in Viehwaggons einen Zwischenstopp wiederum in Sereth ein, wo sie weiter deportiert werden und schlussendlich in Mogilev landen, die Ruinen der Stadt dienen als Ghetto. Bald ist das Lager mit 30000 Menschen völlig überfüllt. 1944, 40000 Menschen sind Tod, 10000 haben Überlebt, wird das Lager befreit. Edgar Hilsenrath ist zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt. Sicher ist dass er sich nicht selber als Hauptfigur dieses Romans sieht, es ist aber auch klar dass die Ereignisse welche er tagtäglich in diesem Ghetto beobachtet hatte Eingang fanden in diesen Roman.
Noch vor seiner Veröffentlichung wurde das Buch angegriffen, vorallem durch die Darstellung der Opfer als Täter, wurde von vielen Menschen missverstanden und als eine Verunglimpfung der Opfer verstanden. Die geplante Veröffentlichtung 1965 wurde als bereits einige Exemplare gedruckt waren verhindert, erst 1978 erschien der Roman auf Deutsch, nachdem er in verschieden anderen Ländern bereits veröffentlicht wurde.

Gerade solche Dokumentationen ist es zu verdanken dass neben den Fakten und Zahlen die wir mit dem Holocaust verbinden, welche wir aber nie verstehen werden oder erklären können der menschliche Aspekt dieser menschlichen Tragödie nicht vergessen geht. Die Wirklichkeit hinter den Millionen toten, das Grauen welches dem Menschen angetan wurde und zu was er gemacht wurde.



Autor:
Edgar Hilsenrath

Stil:
Roman

Land:
Rumänien, Deutschland
zum Autor:
Geboren 1926 in Leipzig, 1938 flucht nach Rümanien. 1941 kam die Familie in ein jüdisches Ghetto in der Ukraine. Hilsenrath überlebte und wanderte 1945 nach Palästina, 1951 in die USA aus. Heute lebt er in Berlin.

Offizielle Website:

Fansite:
11.1.2006 Pb; Update 11.1.2006 Pb Zurück
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