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J.M. Coetzee
Warten auf die Barbaren

Durch Philipp Glass‘ Oper-Adaption von „Warten auf die Barbaren“, welche vor einigen Monaten Premiere am Theater – Erfurt hatte, sind die Verkaufszahlen des Romans wahrscheinlich nicht in die Höhe geschossen. Dies obwohl man als Laie annehmen könnte es handle sich um ein aktuelle, ja sogar um eine Geschichte die auf Gegebenheiten basiert welche gerade eben irgendwo stattfinden. Erstaunlicherweise wurde dass Buch aber bereits vor mehr als 25 Jahren veröffentlicht.


In einem Grenzfort am Rand der Wüste treffen wir auf den Magistraten und Ich-Erzähler. Dort hat sich soeben Oberst Joll von der Abteilung III der Staatspolizei eingefunden, aufgrund des Notstandsgesetzes. Im weiteren Verlauf finden wir heraus das verschiedene Männer der Abteilung III in verschiedenen Grenzstädten herausfinden sollen ob die Barbaren im Grenzland, sich zusammenraufen um einen Krieg anzuzetteln. Um die nötigen Informationen zu beschaffen, greift Oberst Joll zu drastischen Methoden. Zwei Opfer sind bereits gefunden und obwohl sie beteuern auf dem Weg zu einem Arzt gewesen zu sein, hält sie Oberst Joll unumstösslich für Diebe die im Grenzland mitgeholfen haben Dörfer zu plündern. Dadurch werden sie zu potentiellen Kriegsführern. Während der nun folgenden Befragung stirbt der Vater, der Sohn wird dazu gebraucht einen Trupp aus Soldaten zu den Barbaren zu führen. Nach ein paar Wochen kommt der Trupp zurück und mit ihm eine Menge neuer Gefangenen. Die fraglichen Methoden werden weitergeführt. Der Verlauf der Geschichte wird vom Magistraten beobachtet, der anfänglich Gleichgültig aber mit zunehmender Betroffenheit und Sorge die Arbeit von Oberst Joll verfolgt. Bis zur Abreise des Oberst kriegen wir nie ganz mit was hinter den Mauern des Kornspeichers geschieht. Ein Kornspeicher deswegen, weil das Fort bis zum jetzigen Zeitpunkt nie ein Gefängnis benötigte, da sie seit Jahren mit den Barbaren in Frieden leben.
Erst als Oberst Joll abreist also, wird das ganze Ausmass sichtbar. Der Magistrat lässt die Gefangenen frei, aber nicht bevor er sie verpflegt hat.
Wir erkennen im Magistraten, eine wohlbekannte Figur, weil es ein jeder von uns sein könnte. Als die Greuel durchgeführt wurden schaute er, mit wechselnden Ausreden weg, nun da er keine Möglichkeit mehr hat wegzuschauen, versucht er seine Schuld wieder gut zu machen.
Als Projektionsfläche seines Schuldeingeständnisses dient ein Mädchen, dass von den Barbaren zurückgelassen wurde. Blind mit zerschmetterten Knöcheln, liegt es in den Strassen des Forts und bettelt. Bis der Magistrat es zu sich nimmt, sich um sie kümmert. Raffiniert wie Coetzee die Absichten des Magistrats an diesem Mädchen alles wiedergutzumachen ausgearbeitet hat. Während ihres ganzen Aufenthalts beim Magistraten kommt es nie zu einem sexuellen Akt. Er berührt sie, er massiert sie, er wäscht ihr die Beine, schneidet ihr gar die Zehennägel und schläft häufig auf ihren Beinen ein, aber nie so erzählt er verspürte er den Drang in dieses Geschöpf einzudringen. Trotzdem handelt es sich hierbei um eine der wahrscheinlich erotischsten Momenten der neueren Literatur ohne dass es je zu einer sexuellen Handlung kommt. Der Magistrat akzeptiert die wiedergewonnene Würde des Mädchens.
Er geht sogar soweit das Mädchen wieder zu den Barbaren zurückzubringen, während der beschwerlichen Reise schlafen sie eher beiläufig doch noch mit einander. Der Magistrat führt diesen Umstand aber eher auf die jungen Männer zurück die mit ihnen Reisen und den Abend mit dem Mädchen verbracht haben, er versucht sich nichts vor zu machen immerhin ist er ein alter Mann. Beim zweiten Mal kommt es nicht zum letzten und der Magistrat unterbricht den Akt. Natürlich fragt sich der Mann im Magistraten, wieso er dieses Verlangen bei ihr nicht hat und fügt es u.a. auf ihr Krüppelhaftes aussehen zurück, aber so ganz kommt er dem ganzen nicht auf die Spur.
Von der Reise zurückgekehrt steht der Magistrat einem neuen Leben gegenüber, er gilt von nun an als Verräter. Das was vor einiger Zeit die Gefangenen durchgemacht haben, erlebt er nun am eigenen Leib.

Coetzee wirft wie in jedem seiner Bücher, auch hier fragen auf. Bereits im Titel wird uns klar gemacht wie die Positionen verteilt sind. Hier die Zivilisierten, dort die Barbaren, aber die Grenzen dieser zwei Begriffe lässt Coetzee verschwimmen, bis sie fast aufgehoben sind. Natürlich wird auch die Folter in Frage gestellt, vor allem die daraus gewonnen Antworten, es wird nicht nur einmal darauf hingewiesen dass der Mensch unter diesen Bedingungen alles was von ihm verlangt wird sagt, die Glaubwürdigkeit solcher Informationen wird in Frage gestellt.
Man muss in J.M. Coetzee keinen Hellseher oder Propheten sehen. Denn dass im Jahr 2005 dieses Thema, dazu noch in vergleichbaren Konstellationen diskutiert wird, konnte keiner vorausahnen. Es wäre aber auch Augenwischerei, würden wir meinen dass es in den vergangenen 25 Jahren, geschweige denn zuvor, nicht zu ähnlichen Situationen gekommen ist.
Trotzdem fallen einem natürlich beim Lesen aktuelle Parallelen auf und das ist kein Grund dieses Buch nicht zu lesen. Es war nicht die Absicht des Autors zu irgendeinem Zeitpunkt aktuell zu sein. Erschreckend ist allerdings dass sich solche Vorfälle nach wie vor ereignen und auch dass der Mensch in vielen Situationen berechenbarer und durchschaubarer ist als wir häufig gewillt sind anzunehmen.
Es ist beinahe erdrückend wie Coetzee dieses tief verborgene Verhalten der Menschen offen legt, der Argwohn gegen dass ihm unbekannte und die Bereitschaft für die eigene angeblich gefährdete Sicherheit, andere zu Geiseln. Wie in der Angst zu drastischen Mitteln gegriffen wird, dass in häufigen Fällen nur um den Schein zu wahren.
Nicht umsonst wird Coetzee nachgesagt die Abgründe des Menschen zu erforschen, wobei ihm vielfach sogar der Humor abhanden kommt.
Es war sicherlich eine gute Wahl einem so nüchternen Autor den Nobelpreis für Literatur 2003 zu verleihen und ihn so einem breiteren Publikum bekannt zu machen.



Autor:
J.M. Coetzee

Stil:
Roman

Land:
Südafrika

Veröffentlichungen:
Schande, Zeit und Leben des Michael K., Elizabeth Costello, Zeitlupe

Bemerkung:
J.M. Coetzee hat, anders als es bis anhin Tradition war, bei der Übergabe des Nobelpreises keine Rede im eigentlichen Sinne gehalten, sondern eine Geschichte erzählt, zu finden hier::..
zum Autor:
J. M. Coetzee, der 1940 in Kapstadt geboren ist und von 1972 bis 2002 als Literaturprofessor in seiner Heimatstadt lehrte, gehört zu den bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Er wurde für seine Romane und sein umfangreiches essayistisches Werk mit vielen internationalen Preisen ausgezeichnet, u. a. zweimal mit dem Booker Prize, 1983 für&Mac221;Leben und Zeit des Michael K.&Mac220; und 1999 für &Mac221;Schande&Mac220;. 2003 wurde ihm der Nobelpreis für Literatur verliehen.
Coetzee lebt seit 2002 in Adelaide, Australien.

Offizielle Website:

Fansite:
11.1.2006 Pb; Update 11.1.2006 Pb Zurück
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